Auch im Innenraum beschäftigt sich Jan Philip Scheibe mit Landschaft. Hier löst sich Landschaft von ihrer geografischen Verortung und wird zum Träger von Erinnerung, Wahrnehmung und Abwesenheit. Eine tote Fichte aus der Lemgoer Mark im Saal des Eichenmüllerhauses, die Wege seiner Kindheit als Videozeichnung, eine verschwundene Gartenlaube aus Dachlatten. Der Außenraum, den er untersucht, spiegelt dabei immer auch innere Räume: Sehnsüchte, Verluste. Seine Arbeit bewegt sich an der Schwelle zwischen Innen und Außen, zwischen dem materiell Vorhandenen und dem, was in der Vorstellung fortbesteht.
Inside / Outside
Arbeiten im Innenraum

Fichte I Lemgoer Mark
Installation/Zeichnung ·
Eichenmüllerhaus, Lemgo, 2020 ·
Holz, Metall, Graphit · Maße variabel
Graphitierte, abgestorbene Fichte aus der Lemgoer Mark
Jan Philip Scheibe überzog eine abgestorbene Fichte aus der Lemgoer Mark mit einer dichten Graphitschicht und drapierte sie im oberen Saal des Eichenmüllerhauses. Der Baum wird zur dreidimensionalen Zeichnung, seine dunkle Oberfläche zum Epitaph. Die Arbeit erinnert an einen einzelnen Baum und verweist zugleich auf das Sterben einer Forstkultur.
LemgoTracks
Animierte Zeichnung ·
Eichenmüllerhaus, Lemgo, 2020 ·
Leinwand, Beamer ·
Maße variabel
Einen Sommer lang fuhr und ging Jan Philip Scheibe die Wege seiner Kindheit und Jugend ab: den Schulweg, die Wege zu Freunden, die Fahrradtouren und Streifzüge durch Wälder und Felder. Mit einem GPS-Tracker zeichnete er ihre Verläufe auf. Aus den Bewegungen entstand eine zeichnerische Videoanimation. Im abgedunkelten Raum verdichten sich die Linien zu einem Geflecht.
Was bleibt von einer Erinnerungslandschaft wenn man zu ihr zurückkehrt? LemgoTracks folgt den Spuren vertrauter Wege und sucht nach einer Vergangenheit, die sich nicht wieder betreten lässt. Scheibe blickt auf die Landschaft seiner Kindheit und fragt sich, wie sein Großvater, der ebenfalls in dieser Gegend aufwuchs, sie gesehen haben mag. Dieselben Wege tragen unterschiedliche Zeiten in sich. Mit jedem Schritt wird die Landschaft neu gezeichnet, von Erinnerungen überlagert und vom gegenwärtigen Blick verändert.
Vogelsang
Installation
Eichenmüllerhaus, Lemgo 2020
Holz, Metall, gerahmte Postkarte, Scherben von bunten Glühbirnen
265 x 202 x 255 cm
Aus Dachlatten rekonstruierte Jan Philip Scheibe die Schrebergartenlaube seiner Familie als dreidimensionale Zeichnung. Die Familie gab den Garten Anfang der 1980er Jahre auf, die Laube verschwand wenig später.
Der verschwundene Ort lebt als Erinnerung und imaginärer Raum fort. Aus den Linien der Dachlatten entsteht das Gerüst einer verlorenen Welt. Vogelsang gibt diesem inneren Bild eine räumliche Gestalt, ohne das Verlorene zurückholen zu können.
Lege dich
Lichtobjekt
Villa de Bank, Enschede NL 2016
Zitat von Robert Musil
Holz, Gießharz, LED Leuchtmittel, Kabel
118 x 82 x 6 cm
„Lege dich an einem sonnigen oder windigen Tag in den Wald.“ Das Zitat von Robert Musil beschreibt eine Haltung, die Jan Philip Scheibe vertraut ist. Der Wald ist ein vermeintlicher Gegenraum zur Gesellschaft, ein Ort, an dem man sich anders einordnen und anders behaupten muss.
Lege dich erzählt vom Gefühl des Aufgehobenseins. Und von einem Ort, der selbst bedroht ist. Der Wald ist kein unversehrter Rückzugsraum. Weltweit steht er unter dem Druck wirtschaftlicher Interessen, die ihn zur Ressource machen
kiddyridefun
Objekt
Villa de Bank, Enschede NL 2016
Glasfaser, Elektronik, Metalle,Kunststoffe, Steuerung
Maße variabel
Ein Wackelauto, wie man es aus Einkaufszentren kennt: blinkende Lichter, bunte Lampen, das Versprechen einer Fahrt ins Glück. In der Villa de Bank ist es gegen eine Wand gefahren. Zurück bleiben ein kapitaler Blechschaden und verstreute Autoteile.
kiddyridefun erzählt vom Zusammenstoß zwischen Kindheitsträumen und Wirklichkeit. Von den Vorstellungen, mit denen wir ins Leben starten, und den Kollisionen, die uns im Laufe der Jahre ernüchtern.
ruhelos
Wort/Lichtinstallation
Kunstgeschichtliches Institut der Universität Bonn, 2009
Holz, Lack, Kunststoffe, Leuchtmittel, Kabel, Programm
320 x 80 x 15 cm
Am Eingang der Bibliothek des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn blinken die Buchstaben RUHELOS wie auf einer Kirmes, unablässig. Das Wort gerät in Bewegung und wird zum Sinnbild einer Zeit, die kaum noch stillsteht.
Zwischen sozialen Medien, permanenter Erreichbarkeit und allgegenwärtiger Beschallung wird Ruhe zu einem seltenen Zustand. Das Licht hört nicht auf zu blinken.
Laternen liegen
Installation
Aula Carolina, Aachen 2003
Metall, Kunsstoffe, Folie, Leuchtmittel, Kabel
Maße variabel
Dreizehn Straßenlaternen der Straßenmeisterei Aachen liegen in der Aula Carolina am Boden. Ihre sechs Meter langen Masten bilden ein Geflecht aus Linien, die Leuchtmittel sind mit blauer Folie versehen. Die Laternen leuchten weiter, obwohl sie ihren Platz im Straßenraum verlassen haben.
Was sonst aufrecht steht und Orientierung gibt, liegt nun still da. Das blaue Licht verwandelt die Gebrauchsgegenstände in eine stille, beinahe schwebende Landschaft.




























