Viele Fichtenwälder der Mittelgebirge sind abgestorben. Aus dunklen, dichten Forsten sind lichte Anhöhen geworden, auf den Flächen entstehen neue Habitate. Was macht das mit uns, mit unserer Verbundenheit zur Landschaft, mit unserer Waldkultur und Waldsehnsucht? Wie werden wir den Wald künftig nutzen? Seit 2017 gehe ich diesen Fragen mit den Mitteln der Kunst nach: performativ, installativ, kommunikativ
Lemgo 2017 · Rheine-Bentlage 2020 · Meschede 2021 · Lemgo 2022 · Gravenhorst 2023 · Viersen 2023
WÄLDER
Ein Langzeitprojekt über den Wandel einer Kulturlandschaft

Sauna (Fichte)
Soziale Skulptur
DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst, Hörstel, 2023
Holz, Metall, Folie · 340 × 260 × 320 cm
Das Fichtensterben im Teutoburger Wald ist abgeschlossen. Ein Jahr lang habe ich Käferstämme aus dem Wald geholt und mit meinem Motorsägewerk sowie mit Hilfe der Knollmannsmühle in Hörstel und der ANTL Mühle in Tecklenburg zu Bohlen gesägt. Daraus entstanden Bretter für die Außenverkleidung und Konstruktionselemente der SAUNA. Der Bau erfolgte teilweise partizipativ. Die SAUNA ist ein nutzbares Denkmal für 221 Jahre westfälische Fichtenkultur und deren Ende im Zuge der Klimakrise. Dass ich in Zeiten der Klimakrise in diesem Raum einen Holzofen mit dem Holz toter Fichten beheize, um ihn auf 90 Grad zu erhitzen, ist ein bewusster Widerspruch und Teil der Arbeit. Mir ist bewusst, dass das Ende der Fichtenmonokultur waldökologisch zu begrüßen ist. Es müssen Wege gefunden werden, den resilienten Waldumbau ökologisch und, auf den Privatwaldflächen, auch ökonomisch zu gestalten.
IchBunker
Installation
Waldgebiet Hoher Busch, Viersen, 2023
Holz, Schilfrohr, Lehm, Kunststoffe, Stapelbank
400 × 400 × 400 cm
Im Wald steht ein Bunker aus Lehm. Seine offene Struktur ermöglicht die unmittelbare Erfahrung des Waldes. Die massiven Pfeiler und das Dach vermitteln zugleich ein Gefühl der Geborgenheit. Die Bank lädt dazu ein, über sich selbst, den Wald und seine Kultur nachzudenken. Vielleicht auch darüber, wo heute wieder lebensnotwendiger Schutz in Bunkern gesucht wird.
Tausend Dank an Claytech für die fantastische Unterstützung mit Material und Expertise!
Performative Kochaktion
Städtische Galerie am Park, Viersen, 2023
Auch im Hohen Busch, dem Naherholungsgebiet der Stadt, sterben die Nadelbäume. Ich habe eine trockene Käferfichte gefällt und auf der Schulter durch die Stadt bis zur Städtischen Galerie getragen. Dort habe ich sie zu Kleinholz verarbeitet und auf dem Holzfeuer in einem ungarischen Gulaschofen einen niederrheinischen Möhreneintopf gekocht, den „Murrejubbel“: mit einer Menge Möhren, Kartoffeln, Zwiebeln und zwei Packungen Butter. Pünktlich um zwölf Uhr gab es Essen. Um eins war der Topf leer.
MURREJUBBEL
IInstallation / Intervention
Lemgo, 2. Juni 2022
Kunststoffe, Metall, Leuchtmittel, Generator, Kabel
variable Maße
Zum meteorologischen Sommeranfang bin ich zum Fichtenhang nahe des Hauses in Lemgo gegangen. Über das Feld und durch den von Hainbuchen, Schlehen und Weißdorn überwachsenen Hohlweg bis zu den Fichtenskeletten, die sich hinter der Waldstraße den Hang hinauf bis kurz unterhalb des Aussichtsturms ziehen. Ich hatte eine Lichterkette, den Generator und eine Leiter dabei. Die Lichterkette habe ich in eine Baumgruppe gehängt. Ich habe ein Waldsommerfest gefeiert. Alleine. Der Generator knatterte als Requiem. In der Lemgoer Mark, dem Stadtwald der alten Hansestadt, ist von den rund 1.000 Hektar ein Drittel Fichtenwald: eine Fläche von 420 Fußballfeldern voll toter Bäume. Im Unterholz wachsen junge Fichten, Brombeerranken und ein Farnmeer, das sich über das Licht und den Juniregen des Vortags freut.
Feste (VII)
Hütte
IIntervention / Installation / Performance
Lemgo, 11. Juni 2022
Kunststoff, Kabel, Leuchtmittel, Stromaggregat · variable Maße
Auf einer Waldfläche hinter dem Waldfriedhof schmiegt sich eine fast undurchforstete, tote Fichtenschonung an den Hang. Von den Stürmen umgeworfene Stämme liegen kreuz und quer. Einige sind in der Mitte abgebrochen, andere samt Wurzelballen umgefallen. Mikado für Riesen. Ich suche mir eine ebene Fläche, lade das Gefährt ab, trage die Bauteile zum Siedlungsplatz und stelle die Hütten auf. Wie Playmobilhäuser, nur ein bisschen größer. Kinderspielhäuser für Drei- bis Achtjährige, wie sie in den gequetschten Vorgärten der Neubauviertel stehen: auf akkurat gestutztem Rasen, mit Einzäunungen samt eingeflochtenem Kunststoffband in Grün oder Grau. Nachdem alles eingerichtet ist, bereite ich mir Kaffee, Rührei und Toast auf dem funktionierenden Spielzeugherd zu. Der Herd wird von einem kleinen grünen Generator betrieben. Dafür verbrenne ich primären Brennstoff in Form von E10-Benzin. Drei Hunde samt Herrchen kommen zu Besuch. Die Hunde platzieren sich vor den Hütten, die Menschen hören zu, was ich zu erzählen habe. Sie wundern sich über die Spielhütten im Wald und wollen wissen, was da vor sich geht. Der Zustand des Waldes lässt sie seltsam kalt.
Fingerhut, du Schöner
*Gesangsperformance*
Lemgoer Stadtwald, 2022 Text und Melodie: Margarete und Wolfgang Jehn, 1976
Akkordeon: Vsevold Khuotarinen
Ich kenne dieses Lied schon lange. Wir haben es in den Dünen von Spiekeroog gesungen. Damals waren Fichtenwälder meist zu dicht und dunkel, als dass der Fingerhut dort gedeihen konnte. Jetzt ist der Wald abgestorben, das Sonnenlicht erreicht den Boden, und der Fingerhut wächst prächtig und großflächig. An heißen Sommertagen fehlt ihm der Schatten. Immer wenn ich einen Fingerhut sehe, habe ich dieses Lied im Kopf. Die erste Strophe zumindest. Den Rest habe ich nachgelesen. Ich war berührt und erschüttert. Bevor die Blüten unter der Junisonne verdorrten, habe ich mich mit Vsevold Khuotarinen im Wald getroffen. Sevo studiert Akkordeon an der Hochschule für Musik Detmold und kam 2018 aus der Ukraine nach Detmold. Wir haben das Lied ein paarmal durchgespielt und aufgenommen. Hoffentlich blüht der Fingerhut bald an den Mauern, hoffentlich sind die Herrscher bald abgetreten! Hoffentlich werden die Mörder in Den Haag angeklagt! Hoffentlich bekommen wir die Energie- und Klimakrise in den Griff! Alles hängt zusammen. Stoppt die Kriege in der Ukraine und anderswo. Verlieren wir nicht den Mut
Strauss
Lemgo, Juli 2022
Konzeptioneller Blumenstrauß aus Waldblumen des abgestorbenen Fichtenwaldes, professionell gebunden und fotografiert
Zwischen den Baumleichen erreicht die Julisonne den Boden. Das bisschen Regen reicht aus, um ein neues, dichtes Habitat zu erschaffen. Auf weiten Flächen blühen die Blumen, Farne und Gräser des toten Fichtenwaldes, eine Mischung aus Wald- und Wiesengewächsen. Ich habe mich über umgestürzte Bäume, Brombeerdickichte und Farnwälder durch das Unterholz gekämpft und vom Überbordenden gepflückt. Annelies Blumentöpfchen in Lemgo-Brake hat daraus einen Strauß gebunden. Nils Dellmann Fotografie hat den üppigen und sinnlichen Strauß in seinem Studio fotografiert.
Installation
Stadtforst Meschede, 2021
Kunststoffe, Metall, Leuchtmittel, Akkus
400 × 400 cm
Ein Stück eines ortsnahen Fichtenwaldes wird mit rot-weißen Absperrbaken und blinkenden roten Warnleuchten als Waldbaustelle markiert. Die Baken rahmen eine quadratische Fläche von vier mal vier Metern ein.
Waldbaustelle II
KAPITEL II / Fichte II
Installation
Alte Synagoge, Meschede, 2021
Holz, Graphit, Metall
variable Maße
In der Alten Synagoge, dem Ausstellungsraum der Stadt Meschede, installiere ich eine abgestorbene Fichte. Baum und Astwerk überziehe ich mit Graphit. So entsteht die dreidimensionale Zeichnung einer abgestorbenen Fichte.
SKAUHYTT
Rheine-Bentlage 2020
Ein Projekt von Ole Nieling am Kloster Bentlage, Rheine 2020
Für 10 Tage habe ich in der sehr rudimentären Skauhytt am Bentlager Waldrand gewohnt. Die Waldhütte bot im Sommer/Herbst 2020 - nach Stationen in Norwegen und in den Niederlanden- vier Künstler*innen als Artist in Residence Unterkunft und Auseinandersetzung mit den Klosterwäldern und einer vergessenen Lebensart. In dem Video erzähle ich Ole von meinen Erfahrungen während der Residency.
WÄLDER
Performative Intervention
Lemgoer Stadtwald, 2017
Ich besuche markante Stellen im Lemgoer Stadtwald. Das Neonleuchtschild „Wälder“ trage ich in der einen Hand, in der anderen den kleinen blauen Generator. Bei dieser Intervention fällt mir erstmals der kränkelnde Zustand der Fichten auf. Aus dieser Beobachtung entwickelt sich ein Langzeitprojekt über den Wandel einer Kulturlandschaft.




































