WÄLDER

 

Ein Langzeitprojekt über die Veränderung einer Kulturlandschaft

 

Unsere Waldlandschaft verändert sich rapide- was macht das mit uns, unserer Verbundenheit mit der Landschaft, unserer Waldkultur und Waldsehnsucht. Den Strukturen wie wir den Wald- ökonomisch und ökologisch nutzen.

Jan Philip Scheibe beschäftigt sich seit 2018 in verschiedenen Projekten immer wieder mit diesen Fragen. Er macht deutlich, fragt und beantwortet mit den Mitteln der Kunst. Performativ, installativ und kommunikativ.

Sauna (Fichte)

 

Soziale Skulptur

DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst, Hörstel, 2023

Holz, Metall, Folie

340 x 260 x 320 cm

 

Das Fichtensterben im Teutoburger Wald ist abgeschlossen. Das ganze Jahr über habe ich Käferstämme aus dem Wald geholt und diese mit meinem Motorsägewerk sowie mit Hilfe der Knollmannsmühle Hörstel und der ANTL Mühle Tecklenburg zu Bohlen gesägt. Aus den Bohlen wurden Bretter, die jetzt als Außenverkleidung und diversen Konstruktionselementen der SAUNA dienen. Der Bau erfolgte teilweise partizipativ.

Die SAUNA ist ein nutzbares Denkmal für die 221 Jahre währende westfälische Fichtenkultur und deren durch die Klimaverschiebung verursachtes Ende. Die Kontradiktion in Zeiten der Klimakrise, einen Holzofen mit dem Holz toter Fichten zu beheizen, um damit einen kleinen Raum auf 90 Grad zu erhitzen, ist ein bewusster Teil der Arbeit. Dass das Ende der Fichtenkultur und damit das Ende der Fichtenmonokultur waldökologisch zu begrüßen ist, ist mir bewusst. Es müssen Wege gefunden werden, z. B. durch CO2-Zertifizierungen, den resilienten Waldumbau ökologisch und (auf den Privatwaldflächen) ökonomisch vereinbar zu gestalten.

IchBunker 

 

Installation 

Waldgebiet Hoher Busch Viersen, 2023

Holz, Schilfrohr, Lehm, Kunststoffe, Stapelbank

400 x 400 x 400 cm

 

Im Wald steht ein Bunker aus Lehm. Die offene Struktur ermöglicht das Einssein mit dem Wald. Die massiven Pfeiler und das Dach vermitteln gleichzeitig ein Gefühl der Geborgenheit. Die Bank lädt zur Kontemplation ein – über sich selbst, den Wald und seine Kultur. Nicht nur in Zeiten der Klimaverschiebungen. Vielleicht auch zum Nachdenken darüber, wo gerade wieder lebensnotwendiger Schutz in Bunkern gesucht wird.

Tausend Dank an Claytech für die fantastische Unterstützung mit Material und Expertise! 

 

performative Kochaktion

Städtische Galerie am Park, Viersen, 2023

 

Auch im Hohen Busch, dem Naherholungsgebiet der Stadt, sterben die Nadelbäume. Eine trockene Käferfichte habe ich gefällt, auf der Schulter in und durch die Stadt bis zur Städtischen Galerie getragen. Dort zu Kleinholz verarbeitet, auf dem Holz im ungarischen Gulaschofen einen Niederrheinischen Möhreneintopf – den "Muurejubbel" – mit einer Menge Möhren, Kartoffeln, Zwiebeln und zwei Packungen Butter zubereitet. Pünktlich um zwölf Uhr gab es Essen. Um eins war der Topf leer.

MURREJUBBEL

 

Installation/Intervention

Lemgo 02. Juni 2022

Kunststoffe, Metall, Leuchtmittel, Generator, Kabel

var. Dimension

 

Zum meteorologischen Sommeranfang, bin ich zum Fichtenhang nahe des Hauses in Lemgo gegangen. Über das Feld, durch den Hohlweg überwachsen von Hainbuchen, Schlehen und Weißdorn. Hinter der Waldstraße die zum Forsthaus führt, stehen die Fichtenskelette den Hang hinauf bis kurz unterhalb des Aussichtsturms. Ich hatte meine Lichterkette, den Generator und eine Leiter dabei. Die Lichterkette habe ich in eine Baumgruppe gehängt. Ich habe ein Waldsommerfest gefeiert. Alleine. Der Generator knatterte als Requiem. In der Lemgoer Mark, dem Stadtwald der alten Hansestadt, sind von den ca. 1000 Hektaren ein drittel Fichtenwald. Eine Fläche von 420 Fußballfeldern voll toter Bäume. Im Unterholz viele junge Fichten, Brombeerranken und ein Farnmeer, das sich über das Licht und den Juniregen des vorherigen Tages freut.

Feste (VII)

Hütte


Intervention/Installation/Performance var. Dimension
Lemgo 11. Juni 2022

Kunststoff, Kabel, Leuchtmittel, Stromaggragat.
 

Auf einer Waldfläche, kurz hinter dem Waldfriedhof schmiegt sich eine fast gänzlich undurchforstete tote Fichtenschonung an den Hang. Von den Stürmen umgeworfene Stämme in liegen kreuz und quer. Einige sind in der Mitte abgebrochen, einige samt Wurzelballen umgefallen. Mikado für Riesen. Ich suche mir eine ebene, freie Fläche, lade das Gefährt ab, trage die Bauteile zum Siedlungsplatz und stelle die Hütten auf. Wie Playmobilhäuser, nur ein bisschen größer. Kinderspielhäuser für 3-8 Jährige wie sie in den gequetschten Vorgärten der Neubauviertel stehen, auf akkurat gestutzten Rasen, mit Einzäunungen samt eingeflochtenem Kunststoffband in Grün oder Grau. Nachdem alles eingerichtet ist bereite ich mir Kaffee, Rührei und Toast auf dem funktionierenden Spielzeugherd. Der Herd wird von dem kleinen grünen Generator angetrieben. Dafür verbrenne ich primären Brennstoff in Form von E10 Benzin. Ich bekomme Besuch von drei Hunden samt Herrchen. Die Hunde platzieren sich vor den Hütten, die Menschen hören zu, was ich zu erzählen habe. Sie wundern sich über die Spielhütten im Wald und wollten mal gucken, was da so vor sich geht. Der Zustand des Waldes lässt sie seltsam kalt.

Fingerhut, du Schöner

Ich kenne dieses Lied schon lange. Wir haben es in den Spiekerooger Dünen gesungen. Die Fichtenwälder waren meist zu dicht und dunkel, sodass der Fingerhut (Digitalis) nicht gedeihen konnte. Jetzt ist der Wald abgestorben, das Sonnenlicht erreicht den Boden. Der Fingerhut wächst prächtig und großflächig. An heißen Sommertagen leidet er am fehlenden Schatten. Ich habe immer, wenn ich irgendwo einen Fingerhut sehe, dieses Lied im Kopf. Die erste Strophe zumindest. Den Rest habe ich nachgelesen. Ich war berührt und erschüttert. Bevor die Blüte des Wegerichgewächs unter der Junisonne verdorrt, habe ich mich mit Vsevold Khuotarinen im Wald getroffen. Sevo ist Schüler der Akkordeonklasse der Hochschule für Musik Detmold. Er kommt aus der Ukraine und ist seit 2018 in Detmold. Wir haben ein paarmal durchgespielt und dann aufgenommen. Hoffentlich blüht der Fingerhut bald an den Mauern, hoffentlich sind die Herrscher bald abgetreten! Hoffentlich werden die Mörder in Den Haag angeklagt! Hoffentlich bekommen wir die Energie- und Klimakrise in den Griff! Alles hängt zusammen. Stoppt die Kriege in der Ukraine und anderswo. Verlieren wir nicht den Mut.


 

Gesangsperformance

Lemgoer Stadtwald, 2022

 

Text und Melodie: Magarete und Wolfgang Jehn (1976)

Akkordeon: Vsevold Khuotarinen

 

Fingerhut, du schöner,

tief im Walde,

wo die Schatten Sonne lecken

sollst dich nicht vor mir verstecken,

Sommerhaus der Bienen!

 

Digitalis grandiflora, Digitalis purpurea, Digitalis lutea

 

Fingerhut, du schöner,

an den Wegen,

wo die fremden Toten liegen

aus den schlau verschwieg´nen Kriegen,

Fahnenbaum der Toten!

 

Digitalis grandiflora, Digitalis purpurea, Digitalis lutea

 

Fingerhut, du schöner,

in den Städten

an den Mauern sollst du blühen,

wenn die Herrscher abgetreten,

wenn die Mörder fliehen!

Digitalis grandiflora, Digitalis purpurea, Digitalis lutea

 

Strauss

 

Lemgo, Juli 2022
Konzeptioneller Blumenstrauss aus Waldblumen des abgestorbenen Fichtenwaldes, professionell gebunden und fotografiert


Zwischen den Baumleichen erreicht jetzt die Julisonne den Boden. Das bisschen Regen reicht aus um ein neues und dichtes Habitat zu erschaffen. Auf weiten Flächen blühen die Blumen, Farne und Gräser des toten Fichtenwaldes. Eine Mischung aus Wald und Wiesengewächsen. Ich habe mich über umgestürzte Bäume, Brombeerdickichte und Farnwälder durch das Unterholz gekämpft und habe vom Überbordenden gepflückt. Daraus hat Annelies Blumentöpfchen in Lemgo-Brake einen Strauß gebunden. Nils Dellmann Fotografie hat den üppigen und sinnlichen Straußin seinem Studio fotografiert.

 

Installation

Stadtforst Meschede, 2021

Kunststoffe, Metall, Leuchtmittel, Akkus

400 x 400 cm

 

Ein Stück eines ortsnahen Fichtenwaldes wird durch rot-weiße Baustellen Absperrbacken, samt rot leuchtender Warnlampen als Waldbaustelle eingerichtet. Die Absperrbacken rahmen eine quadratische Fläche Fichtenwald (ca. 4 x 4 m) ein, auf jeder der Absperrbaken blinken rote LED Baustellenwarnleuchten.

Waldbaustelle II

KAPITEL II / Fichte II

 

Installation

Alte Synagoge, Meschede, 2021

Variable Maße, Holz, Graphit, Metall

 

In der Alten Synagoge, dem Ausstellungsraum der Stadt Meschede wird eine abgestorbene Fichte installiert. Der Baum samt Astwerk wurde vorher mit einer Graphitschicht versehen. Es ergabt sich eine dreidimensionale Zeichnung eines abgestorbenen Fichtenwaldes.

SKAUHYTT Rheine-Bentlage 2020

Ein Projekt von Ole Nieling am Kloster Bentlage, Rheine 2020

 

Für 10 Tage habe ich in der sehr rudimentären Skauhytt am Bentlager Waldrand gewohnt. Die Waldhütte bot im Sommer/Herbst 2020 - nach Stationen in Norwegen und in den Niederlanden- vier Künstler*innen als Artist in Residence Unterkunft und Auseinandersetzung mit den Klosterwäldern und einer vergessenen Lebensart.  In dem Video erzähle ich Ole von meinen Erfahrungen während der Residency.

WÄLDER

 

Performative Intervention

Lemgoer Stadtwald, 2017

 

Besuch der prototypischten Stellen im Lemgoer Wald. Das Neonleuchtschildd "Wälder" trug ich in der Hand. In der anderen den kleinen blauen Generator. Bei dem Besuch ist mir erstmals der kränkelnde Zustand der Fichten aufgefallen. 

Lemgo 2018 / Rheine-Bentlage 2020 / Meschede 2021 / Lemgo 2022 / Gravenhorst 2023 / Viersen 2023

© Jan Philip Scheibe 2026

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